Bruttogehalt = 3.000 Euro – Nettogehalt = 390 Euro?

Veröffentlicht am 20. März 2007 von Sanjay Bakshi | Arbeitsrecht | 12 Kommentare

Law-BlogMan glaubt es nicht – aber im Bereich der Sozialversicherung gibt es nun mal nichts, was es nicht gibt. Die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung, bestehend aus Versicherungsbeiträgen zur Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung, belaufen sich seit Jahren nur geringfügig schwankend auf rund 20% der beitragspflichtigen Bruttovergütung eines Arbeitnehmers (limitiert durch die sog. Beitragsbemessungsgrenze).

Die so im internationalen Vergleich eher hohen Lohnnebenkosten in Deutschland werden allenthalben als einer der belastendsten Faktoren für die deutsche Wirtschaft, insbesondere in einer globalisierten Welt, und als erheblicher Nachteil für den Standort ausgemacht. Die Politik wird daher auch nicht müde, nahezu wöchentlich zu bekunden, die genannten Beiträge müssten dringend um den einen oder anderen Bruchteil eines Prozentpunktes gesenkt werden.

Die wohl größten Arbeitgeber in Deutschland, nämlich Bund, Länder und Gemeinden, haben allerdings ganz andere Sorgen. Ihre öffentlich-rechtlich Angestellten sind in der Regel bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (kurz: VBL), einer Altersversorgungskasse mit Sitz in Karlsruhe, zusatzversichert. Diese Arbeitgeber entrichten zusätzlich zu den vorgenannten Beiträgen auch noch Beiträge an die VBL. Selbiges gilt außerdem für einige privatwirtschaftliche Unternehmen, insbesondere solche, die durch die Privatisierung eines Betriebes der öffentlichen Hand entstanden sind.

Obwohl die VBL allein im sog. Abrechnungsverband West Beiträge aus zusatzversorgungspflichtigen Entgelten in Höhe von weit über 41 Milliarden Euro (!) schöpfen kann, steht sie vor ähnlichen Problemen wie die gesetzliche Rentenversicherung. Seit dem Jahr 2002 wird daher von den Arbeitgebern, die Beiträge an die VBL zu entrichten haben, ein so genanntes Sanierungsgeld erhoben, das seither jährlich gestiegen ist und sich zuletzt auf knapp 3% belaufen hat. Zusammen mit dem allgemeinen Beitragssatz von 7,86% haben die genannten Arbeitgeber daher noch einmal knapp 11% an Lohnnebenkosten in Gestalt von Beiträgen an die VBL zu tragen.

Nach Auffassung der VBL genügt aber auch dies noch nicht, weshalb eine Neuregelung des Sanierungsgeldes vorgenommen und unlängst von dem Bundesjustizministerium genehmigt wurde. Das Sanierungsgeld soll künftig nach einem einheitlichen Berechnungsschlüssel für jeden beteiligten Arbeitgeber individuell so berechnet werden, dass es im Verhältnis den Aufwendungen der VBL für Versorgungsleistungen an Versicherte entspricht, welche dem jeweiligen Arbeitgeber zugeordnet werden.

Mit anderen Worten: Je größere Versorgungsleistungen die VBL an (ehemalige) Mitarbeiter eines Betriebes zu entrichten hat, insbesondere im Verhältnis zu den Beiträgen, die es von dem Betrieb für die Versicherung der aktuellen Mitarbeiter erhält, desto mehr Sanierungsgeld soll der jeweilige Arbeitgeber bezahlen.

Das ist so, als würde von einem Krankenversicherten im Verhältnis zu den anderen Versicherten so viel mehr Versicherungsprämie verlangt, wie er durch Heilbehandlungen Kosten für die Versicherung verursacht hat. Ob das rechtlich überhaupt möglich ist und welcher Sinn der Versicherung dann überhaupt noch zukommt, soll zu einem späteren Zeitpunkt noch besprochen werden.

In einem mir vorliegenden Fall soll die Neuberechnung des Sanierungsgeldes nach einer wohl ernst gemeinten Mitteilung der VBL dazu führen, dass der betreffende Arbeitgeber knapp über 650% des zusatzversorgungspflichtigen Entgelts als Sanierungsgeld bezahlen soll.

Dies würde bedeuten, dass der betreffende Arbeitgeber das Sechseinhalbfache des an den Arbeitnehmer zu entrichtenden Nettoentgelts zuzüglich weiterer knapp 11% dieses Entgelts an die VBL und wie eingangs dieses Beitrags erwähnt 20% des Bruttoarbeitsentgelts als Arbeitgeberanteile zur allgemeinen Sozialversicherung zu entrichten hätte.

Es ist schlicht irrwitzig, doch würde dies in dem wohlgemerkt realen Fall zu Lohnnebenkosten von über 670% führen.

Interessanter Weise gibt es nahezu keine öffentliche Beschäftigung damit, dass die wohl größten Arbeitgeber in Deutschland weit davon entfernt sind, „nur“ 20% an Lohnnebenkosten zu tragen. 31% im Mittel kommt der Wahrheit näher.


12 Gedanken zu "Bruttogehalt = 3.000 Euro – Nettogehalt = 390 Euro?"

Nimm eine billige Zusatzversorgungskasse und dafür die Beiträge zur Berufsgenossenschaft dazu, dann liegst Du im Mittel schon bei ca. 25% für die Jahre ab 2005. Abgesehen davon, dass es auch noch ein Beihilferecht gibt. (Auch für Angestellte und Arbeiter)
Gruß aus der Entgeltabrechnung
Michael

Kann man sich (als AG) aus der VBL entfernen als entsprechender Arbeitgeber oder herrscht da Versicherungszwang?

Hallo Jens. Im Prinzip kann man das. Das Problem ist: es gelingt zwar eine anderweitige Versorgung zu finden, welche den Arbeitnehmern die selben Leistungen wie die VBL gewährt (und das zu günstigeren Konditionen), und damit die Ansprüche der Arbeitnehmer auf Zusatzversorgung auch ohne die VBL zu erfüllen – nach der Satzung der VBL wird bei dem Verlassen des Systems aber eine Ausgleichszahlung fällig, die sehr rasch die Millionenhöhe erreicht und es dadurch oft faktisch unmöglich macht, aus der Versicherung bei der VBL auszuscheiden.

@Sanjay:
Danke für die Information!

Öhm, was hat der reisserische Titel mit dem Beitrag denn nun zu tun???

Hallo Uwe. Er zeigt – über den geschilderten Extremfall hinaus – auf, dass in der ständigen Diskussion über Lohnnebenkosten, bei der regelmäßig von solchen, arbeitgeberseitigen in Höhe von ca. 20% die Rede ist, die ganz erheblichen Versicherungsbeiträge an die VBL (und andere Zusatzversorgungseinrichtungen) regelmäßig keine Berücksichtigung finden, obwohl die Lohnnebenkosten dadurch enorm erhöht werden. Dabei setzt gerade die Politik sich hiermit überhaupt nicht öffentlich auseinander, obwohl es gerade die öffentlichen Haushalte sind, die durch die Zusatzbeiträge zur VBL belastet werden.

kein wunder das die schwarzarbeit wächst.

[…] Der Natur dieser Mail nach, ging diese Wohl noch an mehrere andere Seiten im Job- und Karriere-Umfeld… was für ein Vollkrampf! Das ist wirklich Hobby-SEO, in der allerhöchsten Liga – so funktioniert das Spiel schon lange nicht mehr! Pseudo-Kommentare, Massen-Linktauschanfragen und Webkatalog-Einträge sind wirklich SEO-Techniken von vor 3 Jahren! Wer übrigens noch ein paar Pseudo-Kommentare sehen will, muss eigentlich nur über die Top-Blogs in Deutschland surfen – wie bspl. den Law-Blog (hier “Dennis”), als “Jobs and more” beim Problogger Darren Rose (mit dem durchaus sinnhaften Kommentar “web2.0 jobs the future”… ?!?!), oder auch bei Nischenblogs wie dem Aschenbecher Blog (wieder als “Jobs and more”)… man man man… […]

VBL Abrechnungsverband „Os“
und so einen Hals

Beiträge des Arbeitnehmers im Abrechnungsverband Ost werden seit 01.01.2008 in Höhe von 2% vom Brutto des AN (AG auch 2%) als Eigenanteil erhoben. Diese Beiträge fließen in ein s.g. Kapitalstock (ähnlich Privatversicherung). Für die gezahlten Beiträge ist ein Sonderausgabenabzug und die Riesterförderung möglich.
Meine Frage: Ist es rechtens, dass alle Arbeitnehmer im ÖD (Ost) in dieser VBL gem. Satzung pflichtig sind? Wird hier nicht gegen geltendes Recht gem. SGB verstoßen da „Riester Renten“ „freiwillig“ sind???

Hallo Jürgen. Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass das VBL-System an sich – und insbesondere in Bezug auf die Angehörigen des ÖD – rechtswidrig wäre. Anders sehe ich das nur in Bezug auf die jüngsten Satzungsänderungen und die sog. „sonstigen Beteiligten“, die in einem privatrechtlichen Verhältnis zur VBL stehen.

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